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Wassergefüllte Zinkwannenmatrix | Neonobjekt »Bravo Charlie«







Mapping the Region: liquid area
Ausstellungsreihe zum Kulturhauptstadt-Jahr Ruhr.2010 der Stadt Herne

Teil II: Wasserwege, 13.03. – 24.04.2010

Dr. Andreas Steffens
Einführung zur Eröffnung am 13.03.2010, Städtische Galerie: Rainer Gottemeier, Dirk Schlichting


Eine Katastrophe von unvorstellbar großer Gewalttätigkeit ist der Ausgangspunkt für Rainer Gottemeier. Das Generalthema unserer Ausstellungsserie, mapping the region, beim Wort nehmend, versieht seine Arbeit das Ruhrgebiet mit einem Geflecht von Karten, die einer Wissenschaft entstammen, die es nicht geben kann, weil nicht existiert, wovon sie handelt: es sind nautisch-geografische Dokumente einer Zukunft, die es (noch) nicht gibt, aber geben könnte, falls die Prognosen der zuständigen Wissenschaften stimmen und die Ereignisse, die sie nahe legen, eintreten sollten. Wer heute nicht älter als fünfzig Jahre ist, hat die Chance, es zu erleben - : setzt die Erderwärmung mit den abgeschätzten Folgen sich so ungebremst fort, wie es zu befürchten steht, wird diese Region innerhalb einer Lebenszeit zu einem Archipel von Inseln des Übriggebliebenseins geworden sein, erreichbar nur noch auf Wasserwegen. Die Karten sind so präzise berechnet, dass jeder seinen heutigen geografischen Ort identifizieren und feststellen kann, ob dieser noch aus dem Wasser ragen oder von den siebzig Metern, um die der Meeresspiegel gestiegen sein wird, überflutet sein wird.

Auch hier fehlt jede Anmutung des Katastrophischen. Eher eine ‚Fröhliche Wissenschaft’ scheint Gottemeier zu betreiben. Und seine Archivbox, die die komplette Sammlung der neuen Seekarten der Region enthält, ist von strenger Festlichkeit.

Die Heiterkeit vergeht jedoch, sobald man verstanden hat, welch abgrundtiefe zynische Verantwortungslosigkeit, Dummheit und Gleichgültigkeit hinter dem Anlass dieser plastischen Überlegung stehen.

Die Figur des automatischen Grußes, mit der sie am Eingang des Hamburger Hafens jedes ankommende Schiff empfängt, hat Gottemeier um die Geste des Schauens erweitert: in eine Zukunft, die so offen und ungewiss wie jede ist, sich aber mit jedem Tag, der tatenlos vergeht, der Verwirklichung jener Katastrophe verhängnisvoller nähert. Dann wird es gar nicht genug Positionsbojen und Rettungsringe geben können, die er in dem Raumobjekt „Origo oder das Daseinsrund“ zu einer Skulptur der Hilflosigkeit verbunden hat. Als Symbole der Perfektion deuten Kreis und Kugel beängstigend an, dass es keinen Ausweg geben könnte, und das Verhängnis, das wir wissen, ungehindert vollziehen könnte, wie das ‚Schicksal’, das die Griechen in der ersten Kunstform der Tragödie beschworen: gegen den Untergang handelnd, führen wir ihn herbei, zur Belustigung der Götter, die uns mit Blindheit schlagen. Nur, dass diese Götter die Götzen sind, auf deren Anbetung wir uns selbst mit unserer Zivilisation verpflichtet haben.

Dass niemand ausgenommen ist, kann jeder bemerken, der an der Installation entlang geht, in der sich der Sehend-Grüßende in seinem Leuchtkasten ebenso in der auf dem Boden in Zinkbehältern ausgebreiteten Wasserfläche spiegelt wie er selber. Wir, die wir als Kinder unserer Zivilisation kaum noch hören und sehen wollen, werden gesehen und gegrüßt, auf dem Weg in die Region, in der uns nur noch Bojen und Rettungsringe beistehen könnten.

Aber noch muss es nicht heißen: Land unter! Und, wer weiß, vielleicht wird das altbewährte: Glück auf! auch weiter helfen.






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»Origo - oder das Daseinsrund« | Kugelfender, Rettungsringe, Tauwerk | 1,8 m Durchmesser







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»2'45'' - Charlie´s Gedächnisspur« | 55teiliges Bildtableau als Raumzeitpartitur







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»Dichtungsregister« (Ausschnitt) | 317 Registerkarten, kartografische Koordinaten der Ruhr-Region | Fotografien, Pergamintüten, Foldbackklammern, namenlose Seekartenausschnitte







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»Archivschaukel« | Bookram, Goldprägung, Hanfseile, Gummischale






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