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Klangwerk, Keimcode, CD, Booklet, 1990
Cameramusic
Das Wesen des Nennaktes ist eingefangen im Nennakt „Jetzt“. „Jetzt“, ist alles was erscheint, was sichtbar und unsichtbar ist.“ (Thrasybulos Georgiades)
1. Ich benutze die Kamera als ein „Musik-Bild-Instrument“, horche auf ihren Klang in gespannter Bereitschaft.
2. In ihrem scharfen sezierenden Brennpunkt-Klang „sagt“ die Kamera „jetzt“.
3. Als Auslöser bin ich Zeuge, dass gerade „Jetzt“ in diesem Moment das Klang-Bild-Ereignis geschieht.
4. Das kurze Klicken bezeichnet den – Augenblick- als – Nennakt -, spricht vom – Erklingen des Ursprungs einer Erscheinung -, verkündet – Simultanität – von Hören und Blicken.
5. Zwischen Öffnung und Verschluss ereignet sich ein Brückenschlag – vom Sichtbaren zum – Hörbaren – vom Hörbaren zum Sichtbaren.
6. Wenn sich Kamera-Klang und Bild im „Jetzt“ treffen, „hören“ wir den „stehenden Sturm“ eines Augenblicks, „sehen“ den schmalen Spalt, durch den wir die Gegenwart erblicken.
7. Der reale Gegenstand – die Fotografie selbst - ist nur sein gespiegelter Schatten, die Schlacke eines Sekundenbruchteil-Intervalls zwischen Auslöser – und Zeitverschluss – Klang


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allegro con fuoco, visuelle Partitur Keimcode CMO.?
Zur Cameramusik

Die Musik Rainer Gottemeiers ist radikal „elementaristisch“ (Malewitsch/Cage). Zugleich tritt aber in CMO.? Das Prinzip der „Mehrfachkodierung“ zu Tage, das (nach Jencks und Welsch) ein hauptsächliches Merkmal postmoderner Kunst- und Lebensauffassung ist. Gottemeiers Werk zeigt in den Partiturzeichnungen Konstruktionen von extremer Hermetik – gerasterte Elementarikonen der euklidischen Geometrie, die auf einen statischen Seinsbegriff zurückverweisen. In ihrem Erklingen löst die Musik diese Bilder temporal auf, wobei sie sich des Zeilensprungverfahrens der technischen Bildchiffrierung bedient. Die räumliche Rhythmik dieses „Ablesens“ der Bilder nimmt ihr Maß – so belehrt uns die Partitur – an der Sprache. Im Hören auf das klangliche Resultat dieses Lesens wirft sich die Frage auf: Können wir die Ausgangsformen – den Kreis, das Quadrat usw. – noch aus der Folge der Klänge „heraushören“ oder tritt in dieser Musik eine abgründige Differenz zwischen dem Aussehen/Anblicken und dem Erklingen/Hören auf? Oder gehören beide Phänomene letztlich in der Sprache zusammen, ist also das „sprechende Bild“ und das Sprechen/Hören letztlich dasselbe? Ist anders – wie Martin Heidegger dachte – das Hören ein Blicken und sind beide ein verschwiegenes Sprechen?
aus Performance Pausedazwischen Rainer Gottemeier und das Institut: CMO.?
Hubert Sowa

keim-code.jpgCameramusik Keimcode-Objekte | Fotogalerie Wien | 1992