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Standorte: Sternenfelder | Haussee, Petzow/Werder | 1997


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Dichtungsregister, Folienbuch, blaues Leinen mit Goldprägung | 1997



Standorte: Sternenfelder Eröffnungsrede von Miriam Bers


Liebe Gäste, vor uns breitet sich die terrassenförmige Anlage um den Haussee aus, die die Handschrift Peter Joseph Lennés trägt. Sie bietet uns eine Vielzahl von Sichtachsen und Blickwinkeln, die für das Verstehen Rainer Gottemeiers Installation, aber auch seiner Buchprojekte, von großer Bedeutung sind. Statt alle Aspekte seiner vielseitigen künstlerischen Arbeit anzusprechen, die Musik ebenso beinhaltet wie etwa auch Performance, beschränke ich mich auf das Nahe liegende – die hier präsentierten Werke –, werde dabei jedoch in die Ferne schweifen und Sie zu einer Kurzreise einladen, einer gedanklichen Reise, die sich vor allem der Bedeutung von Orts- und Weltbildern widmet. Die erste und auch zentrale Station ist das »Seestück« Gottemeiers. Ins Auge fallen die auf dem Wasser positionierten Bojen und Fender. Die Fender heben sich in ihren Farben voneinander ab – die Grundfarben Gelb, Rot und Blau dienen dem Betrachter als Orientierungshilfe bei der Erschließung der Arbeit. Ausgangspunkt ist das Sternbild des canis major (der große Hund), das für die Bewohner der nördlichen Erdhalbkugel bis auf den Fixstern Sirius nicht sichtbar ist – hier jedoch durch gelbe Schwimmkörper charakterisiert wird. Hieraus schöpft der Künstler eigene weitere phantastische Sternbilder, die ihm als Metapher für historische sowie aktuelle Kulturlandschaften dienen, so ergibt sich z. B. aus der Anordnung der blauen Fender zueinander der Ausschnitt einer Landkarte, auf der all die geschichtsträchtigen Orte des Mittelalters markiert sind, die die westeuropäische Kultur geprägt haben. Ein nächstes Sternbild, auf das Gottemeier mit der Signalfarbe Rot aufmerksam macht, stellt die heutige Potsdamer Kulturlandschaft dar. Ihre wesentlich kleinere Dimension nimmt – in der Perspektive des Künstlers – gleichrangigen Raum ein wie andere Sternenfelder. »Standorte sind wie Sternenfelder. Das Maß ihrer Information tendiert gegen Unendlich«, sagt Gottemeier. Betrachtet man einen Hügel oder See aus der Ferne oder auf einer Landkarte, so stellt er sich als eine winzige Einheit dar, aus unmittelbarer Nähe hingegen zeigt er sich als eine unüberschaubare Masse. Der See, oft als das aufgeschlagene Auge der Erde gedeutet, reflektiert das, was über und um ihn herum existiert. In der Arbeit »Standorte: Sternenfelder« dient der See sowohl als Projektionsfläche als auch als Repräsentationsort künstlerischer Landschaften. Die Blinklichter der den Fendern beigestellten Bojen, die bei Einbruch der Dunkelheit nach und nach zu leuchten beginnen, erhellen die sinnbildliche Bedeutung dieser Landschaften. Die vom Künstler ins Leben gerufenen Sterne und Sternenfelder lenken die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die bildhafte Oberfläche des Sees. Erst die simultane und stark komprimierte Darstellung voneinander differierender Bilder an ein- und demselben Ort verschiebt die Wahrnehmung des Alltäglichen: aus dem statischen Moment des scheinbaren Im-Bilde-Seins wird ein Zustand kontinuierlicher Bewegung – Metamorphose – Veränderung. Dieser Prozess lässt sich auch deutlich an Gottemeiers Buchobjekten ablesen, die eine weitere Station seiner künstlerischen Arbeit darstellen. »1200 Schritte«, nicht nur Maßeinheit für das Umwandern des Haussees und die zahlreichen Blickwinkel, die sich dabei ergeben, sondern auch Titel eines aus 48 Grafiken bestehenden Folienbuches, lassen auf Denkmodelle schließen, die über gewohnte Sehmuster hinausgehen. Die einzelnen Seiten des Buches geben Variationen von Blickachsen der vom Künstler entworfenen Karte wieder: sie beruhen auf der geographischen Anordnung der im See positionierten Bojen und Fender, die eingezeichneten Positionen sind dabei graphisch miteinander verbunden. Als Buchseiten aufeinandergestapelt, überlagern, durchdringen und verdichten sich die auf Transparentfolien destillierten Räume. Dieser gegenläufige Prozess führt nicht nur zur Auflösung bereits definierter Räume, sondern macht ein lineares Begreifen von Zeit, d. h. ein Nacheinander von historischen Zeitabläufen, unmöglich. Die teilweise paradoxen Überschneidungen, die sich daraus ergeben, erinnern an Notenblätter experimenteller Musik. In weiteren Buchobjekten geraten die von Gottemeier komponierten visuellen Partituren förmlich aus den Fugen. Diverse Ausschnitte von Seekarten, vor allem aber Fotokopien der Leuchtbojen, fügen sich zu einer Loseblattsammlung, die den Titel »Cluster-Engel, Namen und Orte« trägt. 144 opake Laminate, stellvertretend für die 144 auf dem See markierten Orte, können in ihrer Abfolge beliebig gegeneinander ausgetauscht werden. Für »Weg zur Heimat oder Whiskey bis November«, einem anderen Buchobjekt, übersetzt Gottemeier ein Zitat von Novalis ins Flaggenalphabet. Novalis lässt seinen Eremiten in dem Roman »Heinrich von Ofterdingen« sagen: »Wenn euer Auge fest am Himmel haftet, so werdet ihr nie den Weg zu eurer Heimat verlieren«. Das Zitat ist das Motto einer Laminatsammlung, die aus 71 Folien besteht. Auf ihnen zeichnen sich – wie zufällig hergestellt – Verbindungen zwischen Flaggen, ihrer Bedeutung, aber auch Ortsnamen aus Seekarten ab, welche von dem Künstler jedoch unkenntlich gemacht wurden. Es fällt auf, dass Gottemeier in all seinen Arbeiten immer wieder Bezüge zur Schifffahrtskunde herstellt. Während sich die antike Schifffahrt ausschließlich als Küstenschifffahrt bezeichnen lässt, konnte die neuzeitliche Schifffahrt hingegen, durch moderne Orientierungshilfe, z. B. durch Seekarten und nautischen Rechentabellen Grenzerfahrungen machen und den eigenen Horizont erweitern. Die so möglich gewordene Erweiterung eigener Horizonte führte jedoch nicht nur zum Erschließen unbekannter Gebiete, sondern gleichzeitig zu willkürlichen Grenzziehungen, die häufig noch immer und immer wieder kulturellen und politischen Realitäten widersprachen und widersprechen. Durch das Infragestellen, das Überlagern und Verschieben bestehender Örtlichkeiten und Grenzen öffnet der Künstler den Raum für neue Denkmodelle. Diese Denkräume thematisieren nicht nur aktuelle politische und soziologische Fragestellungen, sondern auch uns im 19. Jahrhundert verloren gegangene Bezüge zu einem humanistischen Weltbild. Das, streng genommen, anatomische Vorgehen des Künstlers, das im Zerteilen eines als untrennbar definierten Systems besteht, wird dadurch zum konstruktiven Element: auf spielerische Art und Weise entsteht eine Vielzahl an neuen inhaltlichen und örtlichen Bezügen. Gleichermaßen werden die Abschiedsworte von Novalis’ Eremiten mit neuem Sinngehalt belegt: nicht mehr Himmel, sondern eine Spiegelung dient hier dem Künstler als Orientierung: sie reflektiert den Wandel von wahrnehmbaren Tatsachen und Weltbildern.