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Lichtachsen | Tiefer See, Potsdam | 2006 | Fotografie oben Björn Gripinski, freybeuter





Lichtachsen – Sichtachsen
Künstlerische Perspektiven auf ein irdisches Paradies
Barbara Straka
Die Eröffnung des neuen Hans Otto Theaters in Potsdam Ende September 2006 korrespondiert mit einem Schauspiel besonderer Art: der Inszenierung der »Lichtachsen« von Rainer Gottemeier auf dem Tiefen See, in den Abendstunden erlebbar aus vielfältigsten Perspektiven der Uferzonen rund um den Standort Schiffbauergasse als neuer Fokus der darstellenden und bildenden Künste im Zentrum der historischen Potsdamer Kulturlandschaft. Diesem einzigartigen, das 18. bis 21. Jahrhundert umspannenden Gesamtkunstwerk – heute Weltkulturerbe zwischen Glienicker Brücke, Schlosspark Babelsberg, Heiligem See und der »Insel Potsdam« – wird ein Werk der zeitgenössischen Kunst hinzugefügt: eine temporäre Inszenierung der Landschaft, ein Schauspiel der Perspektiven.
Mit seiner »aquatischen Installation«, den »Lichtachsen«, evoziert Rainer Gottemeier gezielt Stimmungen beim Betrachter. Er schafft aus Licht, Form und Klang eine Raumstruktur simultaner Ereignisqualitäten. Er stellt sich damit auch in die Tradition jener sensualistischen Wirkungsästhetik (1), die sich bereits im 18. Jahrhundert in Deutschland etabliert hatte. Als Reminiszenz an diese ästhetischen Prinzipien und im Dialog mit der neuen Theaterarchitektur fasst Rainer Gottemeier den Landschaftsraum als Bühne auf. Aber auf dieser Bühne wird nichts gespielt. Wir dürfen nichts erwarten, was wir nicht selbst bereit sind zu geben. Die Bühne der Natur selbst ist der Inhalt, und wir sind die Akteure, die ein neues Stück einüben, das uns »ganzheitliche Wahrnehmung« aus wechselnden Perspektiven abfordert – Licht und Dunkel, Raum und Zeit, Klang und Stille sind die dramaturgischen Elemente ihres Regisseurs.
Was ist Schein, was Wirklichkeit? Wohin führen die Lichtachsen auf dem See? Welche Perspektive wird eingenommen, welcher Blick gewählt? Wo liegt der imaginäre Fluchtpunkt? Irritation und Illusion als Kalkül. Rainer Gottemeier ist als Künstler dafür bekannt, dass seine Installationen mit der Verführbarkeit und zugleich Relativierung unserer Wahrnehmung operieren, indem er souverän mit Konstruktion und Dekonstruktion des Phänomens »Perspektive« umgeht.
»Lichtachsen«, die dem Projekt den Titel geben, bündeln die subjektive Perspektive zu intersubjektiv erlebbaren »Sichtachsen« und lenken den kursierenden Blick auf Fixpunkte am Horizont – die klassizistischen Architekturen an den in der Nachwendezeit wieder hergestellten Uferzonen.
Jenen wieder hergestellten Sichtachsen widmet sich der Künstler auch in seiner jüngsten Werkgruppe von Dioramen (»Sichten Sichten«), Beiträge zu einem künftigen Bildatlas der Sichtachsen im Potsdamer Landschaftsraum. Mit seiner »aquatischen Installation« gelingt es Rainer Gottemeier, mit einem temporär angelegten Kunstwerk auf die Bedeutung nachhaltiger Maßnahmen des Natur- und Landschaftsschutzes hinzuweisen im Sinne eines ganzheitlichen, kulturvollen und bewussten Umgangs mit der Natur (R. G.).
(1) Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin Brandenburg (Hrsg.), Ludwig Persius.
Architekt des Königs. Architektenführer, Potsdam 2003, Seite 11


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